Belgien, der unbekannte Nachbar
Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz zu Gast auf der Mitgliederversammlung



Sichtlich erfreut konnte Heiner Fragemann, stellvertretender VHS-Leiter, im Namen der Veranstalter die mehr als 80 Interessierten begrüßen, die als ausgewiesene Europäer trotz wetterbedingt verheerender Verkehrs- verhältnisse den Weg ins Schulzentrum Walder Straße gefunden hatten, um „eine unbekannte Welt direkt vor unserer Haustür“ kennen zu lernen. 

Wie seit vielen Jahren fand die Mitgliederversammlung der Europa–Union Haan in den Räumen der Bauberufsgenossenschaft statt, wo Hausherr Klaus Mentrup die 70 anwesenden Mitglieder herzlich begrüßte.

Bürgermeister Knut vom Bovert richtete sein Grußwort an die Versammlung und lobte die hervorragende Arbeit der Europa–Union im Rahmen der euro- päischen Verständigung.

Heiner Fragemann führte für den verhinderten ersten Vorsitzenden Gerd Mayer zügig durch die Tagesordnung, bei der im Wesentlichen der Tätigkeits- bericht des Vorstandes und der Kassenbericht des Schatzmeisters im Vordergrund standen. Es gab keinerlei Beanstandungen, so dass dem Vorstand mit zwei Enthaltungen Entlastung erteilt wurde.

Da für das Jahr 2005 Belgien als Partnerland ausgewählt wurde, konnte Fritz Köhler den Ministerpräsidenten der Regierung der Deutsch- sprachigen Gemeinschaft Belgiens, Herrn Karl-Heinz Lambertz, für einen Vortrag zum Thema "175 Jahre Staatsgründung Belgien" gewinnen. Begleitet wurde er von Bernhard Eichler, der 1999 in Haan die Europafahne übergab.

In seinem Referat gab Herr Lambertz interessante Einblicke in die Geschichte und Eigenarten seines Landes, die weit über Pommes und Pralinen hinausgingen.

 

Belgien feiert in diesem Jahr ein Doppeljubiläum: 175 Jahre Staatsgründung und 35 Jahre Bestehen der ca. 72 000 Einwohner zählenden Deutsch- sprachigen Gemeinschaft, die im vergangenen Jahrhundert drei Mal die Staatsangehörigkeit gewechselt hat. Wer Belgien kennt, weiß, dass zwei starke Gruppen um die Vorherrschaft im Lande ringen: die Wallonen mit einem Bevölkerungs- anteil von 6 Millionen Einwohnern und die Flamen mit einem Bevölkerungsanteil von 4 Millionen Bürgern.

Den lange schwelenden Konflikt zwischen Flamen und Wallonen versuchte das Land in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts durch eine komplexe institutionelle Neuge- staltung des Landes in den Griff zu bekommen.

Heute ist Belgien ein Bundesstaat, in dem jede Bevölkerungsgruppe als Region und als sprachliche Gemeinschaft weitgehende Autonomie genießt. Dabei ist die Region um die Hauptstadt Brüssel weiterhin ein Stein des Anstoßes; der Referent verglich die Situation mit der Jerusalems. 

Es gibt in Belgien keine Bundesparteien. Die belgischen Parteien sind als flämische Parteien und als wallonische Parteien organisiert. Zwischen den sich ideologisch ähnelnden Parteien gibt es sehr oft auf flämischer und wallonischer Seite größere Unterschiede als zwischen Liberalen, Christdemokraten, Grünen oder Sozialdemokraten in Flandern und in der Wallonie. Jedes Problem, das auf dem Tisch der föderalen Regierung liegt, wird von Politikern entschieden, deren effektive demokratische Legitimation und deren parteipolitische Verantwortung sich auf einen Teil Belgiens beschränkt. In diesem asymmetrischen gliedstaatlichen Gebilde ist es naturgemäß schwer, zu umsetzbaren Kompromissen zu kommen. Aber es funktioniert – bis heute.

Nach dem Referat traf man sich noch mit den belgischen Vertretern bei einem Imbiss zu vertiefenden Gesprächen. Die politische Situation in Belgien ist den Besuchern um Einiges klarer geworden.

 

Ministerpräsident Karl-Heinz Lambertz mit Bürgermeister Knut vom Bovert, Heiner Fragemann und Bernhard Eichler (v.l.n.r.)